Sika Brunft in Schaffhausen

Heute ist der 1. Oktober 2018
Drei langgezogene Pfiffe erschallen in kurzen Abständen nacheinander durch den herbstlichen Wald. Es klingt, als versuche jemand inbrünstig seinen freilaufenden Hund durch kräftige Stösse in die Pfeife zur Rückkehr zu bewegen. Wohl denkt kaum ein orts- und naturunkundiger Wanderer, dass es sich hier um die Laute einer heimischen Wildart handelt, doch diese merkwürdigen und durchdringenden Töne sind der Brunftruf des Sika-Hirsches. Sie hat also begonnen, die Sika Brunft.

Nun, so ganz als heimisches Wild kann man den Sika nicht bezeichnen. Die Hirschart stammt aus dem asiatischen Raum und wurde in Europa für die Gatterhaltung eingeführt. Alle heute in Deutschland und der Schweiz freilebenden Sikahirsche sind Nachkommen aus Gattern entflohener Tiere. So entstammt die Schaffhauser Population dem Gatter Rohrhof in Baden Württemberg, aus welchem 1939 einige Tiere (Cervus nippon nippon) in die freie Wildbahn gelangten. Das heutige Verbreitungsgebiet dieser Population erstreckt sich, abgesehen von den Deutschen Vorkommen im Kreis Waldshut, über das Rafzer Feld im Kanton Zürich und den Südranden im Kanton Schaffhausen.

Meine erste Sika Brunft

Und erneut erschallen drei Pfiffe. Sie klingen so, als stände der Stier schon wesentlich näher an meiner Kanzel als beim vorherigen Ruf. Ich bin gespannt und etwas nervös, es ist meine erste Sikabrunft. Bereits vor einigen Minuten oder vielleicht ist ist es schon eine halbe Stunde her, tauchte links von mir ein Sikastier aus einer Dickung auf und wechselte gemächlich in den Fichtenbestand zu meiner Rechten. Wie schnell die Zeit vergeht, wenn man solch spannenden Anblick geniesst. Es war aber ein Jährling, ein ungerader Gabler und nicht der Stier, dessen Rufe ich immer wieder vernehme.

Die Kanzel steht neben einer Forststrasse, welche parallel zu einem steil abfallenden Hang verläuft. Ich blicke hangaufwärts. Am Nachmittag hatte es noch geregnet, doch die Feuchtigkeit scheint aus der Luft verschwunden zu sein und durch vereinzelte Wolkendecken drückt immer wieder die Sonne hindurch. Dennoch ist es herbstlich kühl und die Temperatur liegt nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. In der Ferne höre ich die Kettensägen der Forstarbeiter und immer wieder quert ein Flugzeug in mässiger Höhe den abendlichen Himmel.

Ein Schatten reisst mich aus meinen Gedanken. Etwas Dunkles zieht am oberen Ende der Lichtung, welche sich vor mir den Abhang hinauf erstreckt, von rechts in schnellem Traben auf die offene Fläche.

Die Distanz macht den Unterschied

Schnell das Fernglas hoch und auf den Schatten gerichtet. Es ist erneut ein Sikastier und ein richtig kapitaler dazu. Wohl wirken sie wie kleinere Rothirsche und auch kapitale Stiere haben höchst selten mehr als acht Enden, aber die dunkelbraune, fast schwarze Winterdecke gibt ihnen eine mystische Erscheinung. Ohne auch nur kurz zu verhoffen wird jener Schatten vom nächsten Waldrand geschluckt und der Stier verschwindet aus meinem Sichtbereich. Zu weit weg war er und zu schnell, um ein gutes Foto schiessen zu können. Inständig hoffe ich, dass dieser Sika nochmals über die Lichtung ziehen wird und lege die Kamera schon vorsorglich auf die Brüstung des Hochsitzes.

Wieder pfeift es. Diesmal von links. Nur wenige Minuten nach der ersten Sichtung zieht mein Schatten aus derselben Dickung, wie zuvor der Jährling. Zwar steht er etwas weiter oben, als der Jüngling zuvor, aber dennoch trennen uns nur etwa 50 Meter. Er lässt mir alle Zeit der Welt, bleibt immer wieder stehen und schaut in Richtung meiner Kanzel. Wohl vernimmt er das Klicken des Kameraspiegels, aber es scheint ihn nicht zu beunruhigen. Eher neugierig ist er, was eine spannende Eigenschaft des Sikawildes ist. Kurz bevor der Stier wieder in den Wald wechselt, steht er endlich richtig frei. Als wäre es zum Abschied für den heutigen Abend dreht er sein Haupt zum letzten Mal meiner Kanzel zu. Klick.

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