Die Geschichte von meinem ersten Rehbock

Ach, wie lange habe ich gezögert und überlegt diesem Beitrag zu schreiben oder nicht zu schreiben. Aber ich finde, er gehört hierher. Denn der Hintergrund dieses Blogs soll ja sein: «Wild-Bild.ch – ein Ort für Bilder, Erlebnisse und Geschichten». Und für mich war es in vielfältiger Weise ein unfassbares Erlebnis – die Geschichte meines ersten Rehbocks.

Wir schreiben den 04.05.2020. Das ist nicht das Datum, an welchem ich meinen ersten, den obigen Bock erlegen durfte. Nein, es ist bereits fast ein Jahr vergangen und ich sitze morgens um 7 Uhr im Wald und warte erneut auf einen anwechselnden Bock. Doch wie es mit der Jagd so geht, man wartet viel und lange. Da man sich kaum beschäftigen kann und ich auf einem offenen Drückjagdbock sitze, auf welchem ich mich schnell verraten würde, wenn ich mich zu viel bewege oder mich damit ablenke auf meinem Handy bei schlechtem Empfang rum zu tippen, lasse ich gedanklich das Erlebnis vom meinem ersten Bock revue passieren und überlege mir, ob ich darüber einen Post verfassen soll.

Den heutigen Stand hatte ich mir bereits im letzten Herbst hergerichtet. Die Lichtung im Wald ist grosszügig ausgeschnitten, die Brommbeersträucher wurden wieder in Bodennähe zurück gestutzt. Links vor mir ragt eine uralte Eiche dem Himmel entgegen. Die wenigen verbleibenden, aber massiven Äste wirken wie eine Hand, die versucht die Morgensonne zu greifen. Stiller könnte es kaum sein. Nur hier und dort zwitschert ein Vogel, ein leises Rauschen geht ab und zu durch die Blätter. Zu meiner Rechten kann ich nicht weit sehen. Nur bis zur kleinen Rückegasse. Dahinter versperrt eine Hecke die Sicht. Vor mir ist in 30 Metern die Reviergrenze. Der Bock müsste also von links kommen, wo die Eiche steht. Oder hinter mir. Aber das hoffe ich nicht. Doch noch tut sich nichts. Zeit in Gedanken zu reisen und in Erinnerungen zu schwelgen.

Nach der Jagdprüfung und vor dem Bock

Mein «Grünes Jahr» hatte ich nicht in diesem Revier gemacht. Doch in jenem Revier konnte ich nach der Prüfung nicht bleiben, denn es war kein Platz für einen zusätzlichen Pächter mehr frei. Aber ich hatte Glück und durfte hier als Jahresgast einsteigen. Schon während der Ausbildung war ist oftmals draussen. Mit der Kamera bewaffnet. Und Anblick hatte ich reichlich. Daher schulterte ich nun voll Freude und Elan mein Gewehr und machte mich auf dem Weg zum ersten Ansitz als richtiger Jäger. Einen Rehbock hatte ich offen und auf den setzte ich mich an. Aber vergebens. Kein Reh kam in Anblick.

Und so sollte das auch weiter gehen. Wohl trat mal eine Schmalreh aus oder eine Geiss mit Kitz – aber nie der ersehnte Bock. Beinahe an jedem freien Abend war ich im Revier. Probierte alle Hochsitze aus und auch am Morgen früh versuchte ich mein Glück. Bei jeder Bewegung am Waldrand klopfte das Herz schneller. Wieder nur eine Geiss. Und so vergingen die Wochen.

Bei einem Telefonat mit meinem ehemaligen «Jagdlehrmeister» erfuhr ich, dass ich zur bestandenen Prüfung auch im alten Revier einen Bock frei habe und so vereinbarten wir den Termin für einen gemeinsamen Ansitz.

Der Ansitz

Es war der 03.07.2019. Eigentlich war es noch zu früh, um ins Revier zu fahren. Aber ich wollte den Abend voll auskosten. Alle erdenklichen Utensilien wurden im grossen VW-Bus verstaut und gemächlich tuckerte ich zum vereinbarten Hochsitz. Ein schöner Platz an einem Weiher, wo ich im Vorjahr oftmals junge Böcke vorhatte und auch fotografieren konnte.

Dort angekommen standen aber grosse Landwirtschaftsmaschinen auf dem Acker. Ein Ansitz kam hier nicht in Frage, denn es konnte noch lange dauern, bis die Arbeit der Bauern verrichtet ist. Also rief ich erneut den Obmann an und er teilte mich einem offenen Drückjagdbock auf einer kleinen Lichtung zu. Dort hatte ich im letzten Jahr immer eine Wildkamera hängen und ich wusste, dass hier regelmässig Böcke standen.

Voll Zuversicht parkierte ich den Bus einige hundert Meter vom Stand entfernt und pirschte mich leise an. Auf dem Drückjagdbock angekommen prüfte ich erstmals die Lage. Denn es konnte ja schnell gehen und dann war keine Zeit mehr für Überlegungen, wo man schiessen kann und wo nicht.

Die Lichtung war schmal. Vor mir waren es kaum 15 Meter bis zum Waldrand, der auch reichlich bewachsen war. Halb rechts konnte man in den Wald hineinblicken. Das wäre eine gute Stelle, dachte ich mir. Wenn ich den Kopf nach links drehte, blickte ich in einen dunklen Waldabschnitt mit hohen Nadelbäumen. Egal wo ein Bock kommen würde, ich hätte nicht viel Zeit.

Warten und ein erster Schuss

Doch nichts regte sich. Kein Rascheln war zu vernehmen und wenn sich etwas bewegte, dann war es ein Radfahrer, der den Weg hinter mir entlang sauste. Die Anspannung war gross. Noch nie hatte ich ein Tier erlegt und heute konnte der Tag sein.

Langsam ging die Sonne unter. Meine Hoffnung sank. Es dauerte wohl noch ungefähr 15 Minuten, bis ich im Wald nicht mehr richtigen ansprechen könnte. Da fiel aus der Ferne ein Schuss. Schnell zog ich das Handy aus der Tasche und schrieb meinem Jagdfreund, der mit mir die Prüfung gemacht hatte, eine SMS, ob das sein Schuss war. Keine Antwort. Aufgeregt behielt ich das Gerät in der Hand und wartete auf die Rückmeldung.

Da. Ein Rascheln im Unterholz. Rasch das Handy weg. Fernglas oder gleich das Gewehr? Das Tier bewegte sich schnell. Also das Gewehr in den Anschlag. Es war ein Reh, das konnte ich schon von blossem Auge sehen. Und da, durch das Zielfernrohr wurde klar. Es war ein Bock. Er zog mehrheitlich von Büschen verdeckt auf das Tannenwäldchen zu meiner Linken zu. Mehr war nicht genau zu erkennen, doch es war ein Bock.

An die nächsten Momente kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Es ging so schnell. Der Bock verhoffte kurz zwischen zwei Tannen. Der Schuss brach durch die Stille.

Entsetzen, Erleichterung und Erstaunen

Ich war wie erstarrt. Ich erwartete, dass der Bock fiel, doch das tat er nicht. Er raste in Windeseile davon und verschwand im Dickicht.

Was sollte ich tun? Hatte ich gefehlt? Ruhe bewahren. Mindestens 10 Minuten warten und dann zum Anschuss gehen. So hatten wir es gelernt. Doch schon vibrierte mein Handy. Der Obmann: «Hast Du geschossen? Darf ich Weidmannsheil wünschen?» … «Noch nicht», erwiederte ich. «Der Bock liegt nicht.»

Während des Anrufs baumte ich ab und ging zum Anschuss. Da. Viel Lungenschweiss. Ich hatte also getroffen. Doch wo war der Bock? Ich bat den Obmann zu kommen und sah mich schon auf meiner ersten Nachsuche – und das gleich beim ersten Stück. Mir war nicht gut. Als der Obmann kam, gingen wir gemeinsam der Schweissspur nach. «Der liegt bestimmt», beruhigte er mich. Und da: nach 30 Metern lag er. Der Obmann war vor mir beim Stück. «Weidmannsheil! So einen Bock erlegt man nicht oft in einem Jägerleben.»

Wir trafen uns danach noch bei der Jagdhütte. Auch mein Freund konnte an jenem Abend seinen ersten Bock erlegen. Gelungener konnte ein Ansitz kaum sein.

Es raschelt erneut

Zurück zum Mai 2020. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Da bewegt sich etwas. Rotbraun. Ein Reh. Wiederum keine Zeit für das Fernglas. Wieder ein Bock. Er zieht auf die Reviergrenze zu. Auf dem Weg bleibt er kurz stehen. Erneut bricht ein Schuss. Dies war also nicht nur die Geschichte meines ersten Bocks, sondern auch die des Dritten.

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