Der Gabler und die Zeit

Manchmal scheint die Zeit wirklich schneller zu vergehen als sonst. Wochenenden einmal ausgenommen, denn die sind immer zu schnell vorbei. Der Ausdruck „Die Zeit vergeht wie im Fluge“ lässt auf eine Leichtigkeit schliessen, mit welcher die Zeit an einem vorbei saust. Aber es müssen nicht immer die leichten Phasen sein, die einem die Zeitwahrnehmung verzerren. Der Terminkalender ist voll, eine Veranstaltung jagt die nächste und eine Verpflichtung löst eine weitere ab. Und schon ist wieder ein Monat vergangen, ohne Zeit zum Schreiben oder für lange Ansitze.

Den Kopf wieder frei bekommen

Endlich mal wieder ein freies Wochenende und die Sonne scheint. Schon am Freitagabend bin ich im Revier angesessen und habe ein paar Stunden in der Natur genossen. Doch die gewohnte Ruhe ist dabei nicht eingekehrt. Ich hätte wohl besser einen Hochsitz ohne Handyempfang gewählt – und von denen haben wir hier in Schaffhausen genug. Immerhin hatte ich etwas Anblick. Aber die beiden Geissen standen zu weit weg, um gute Fotos abzugeben. Es kann nicht immer gelingen.

Heute ist bereits Sonntag, ich bin entspannter und habe bei den Revierarbeiten einen schönen Platz für den Abendansitz ausgewählt. Momentan ist es nicht so einfach, einen passenden Hochsitz zu finden, denn das Gras der Wiesen steht so hoch, dass man kaum gute Sicht hat. Im oberen Teil des Reviers steht eine freistehende Leiter an der Kante zwischen einer kürzlich gemähten Wiese und einer in voller Blumenpracht. An diese beiden Wiesen grenzen Felder mit Raps und Weizen, die fast bis zum Waldrand reichen. Dort geht’s hin.

Schon beim Verlassen des Autos springt eine Rehgeiss ab. Es ist noch früh, kurz nach 18:00 Uhr. Ich hoffe, dass die Ricke später erneut aufs Feld zurückkommt. Langsam und vorsichtig pirsche ich bis zur Leiter, als mich plötzlich ein lautes Rascheln und Quieken erstarren lässt. Aus der Dickung neben dem Teich huscht eine schwarze Katze heraus und verschwindet im Rapsfeld.

Auf der Leiter

Der Ostwind bläst mir sanft von vorne ins Gesicht und von hinten scheint mir die Abendsonne noch kräftig wärmend auf den Nacken. Angenehmer könnte es kaum sein und beim Warten und Dösen tritt die Spannung etwas in Anblick zu bekommen in den Hintergrund und der pure Genuss erlangt die Oberhand. Was für ein wunderschöner Ort. Hinter mir höre ich die Frösche im Teich quaken, Amseln turnen auf den Weiden und Pappeln umher und drei Grünfink-Paare hüpfen im Rapsfeld von Halm zu Halm.

Nach ungefähr einer Stunde sehe ich zwei Lauscher im hohen Gras, sie sind schwierig auszumachen. Und dann nochmals zwei daneben. Für kurze Zeit sehe ich eine Geiss mit ihrem Kitz in der Wiese stehen. Und schon legen sie sich wieder hin. In der darauffolgenden Zeit huscht mein Blick immer wieder zu dieser Stelle, aber die beiden Rehe bleiben verborgen.

Wie schön wäre es, eine Geiss mit Kitz bei Tageslicht fotografieren zu können? Es soll heute nicht sein. Schon bald geht die Sonne unter und noch hat sich kein Stück Rehwild auf die freie Grasfläche vor mir getraut. Mit dem Fernglas suche ich die Wiese wieder und wieder ab. Und da, plötzlich ein rotes Braun, das sich schnell durch die hohen Halme bewegt. Kurze Stangen sind auszumachen, der Bock beginnt zu springen und steht nach wenigen Sätzen auf der gemähten Wiese.

Wir schauen uns an

Langsam äsend kommt der Bock immer näher. In 20 Metern Entfernung vernimmt er das Klicken der Kamera und schaut hoch. Doch es ist kein Blick der Furcht, eher nach Neugierde sieht es für mich aus. Nach einigen Sekunden wird dem jungen Gabler dann doch zu unwohl und er verschwindet gemächlich im Raps. Ich bin sicher, ein gutes Bild ist im Kasten und ich lehne mich gemütlich zurück. Schon nach kurzer Zeit regt sich erneut etwas in der hohen Wiese links von mir. Wieder ein Bock. Nochmals ein Gabler, aber ein stärkerer. Doch auch er, wie Geiss und Kitz, wechselt nicht aus dem hohen Gras.

Beim Rückweg zum Auto treffe ich nochmals auf den roten Gabler. Wir schauen uns einige Sekunden direkt in die Augen. Es gelingen nochmals ein paar Aufnahmen, aber es ist schon fast dunkel. Ein traumhafter Sonnenuntergang rundet den Ansitz ab. Kaum zu glauben, wie gut ein paar Stunden mit schönen Erlebnissen dem Gemüt tun. Wenn ich Zeit hätte, würde ich schon morgen Abend wieder an dieser Stelle sitzen …

    

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