Das fünfte Bild – Kleiber

Die Winterzeit ist da

Es ist bereits Ende Oktober und nach der Umstellung zur Winterzeit geht die Sonne schon richtig früh unter. Aber es ist Sonntag und ich habe reichlich Zeit, um früh auf den Ansitz zu gehen. Schnell ist der Rucksack gepackt und die Hündin in ihrer Box im Auto. Los geht’s ins Revier. Aber bevor der Hochsitz bestiegen wird, machen wir noch einen ausgiebigen Spaziergang und der Zwergdackel kann Fährten beschnuppern und Mäuse jagend über die Felder sausen. Danach lässt sie sich in der Kanzel gemütlich auf ihrer Decke nieder und schläft bald ein.

Es ist bereits nach 16 Uhr und in gut einer Stunde ist die Sonne weg. Das letzte Büchsenlicht gilt nicht für die Kamera. Wohl könnte man dann noch mit hohem ISO ein Bildrauschen und Pixelkonzert produzieren, aber nach so einem Foto bin ich nicht aus. Und kaum ein Tier toleriert lange Belichtungszeiten. Im Sommer ist das Zeitfenster viel grösser und auch zu späterer Stunde ist es dann für tolle Aufnahmen noch hell genug. Doch heute drängt die Zeit und kein Reh, kein Fuchs und kein Hase ist in Sicht.

Das Nebenprodukt des Wartens

Ich entschliesse mich, die Zeit zu nutzen und das Fotografieren von Vögeln zu üben. Meisen hüpfen hastig von Ast zu Ast und sind vom Hochsitz aus nur wenige Meter entfernt. Aber sie sind wirklich schnell und laufend habe ich kleine Äste zwischen Kamera und Motiv. Eine richtige Herausforderung für den Fotografen und auch für den Autofokus. Das Teleobjektiv surrt leise. Bei einem kleinen Vogel, wie einer Meise, muss man schon richtig nahe ran kommen, um ein gutes Bild zu erhalten. Oder wie Robert Capa einst sagte: „If your pictures aren’t good enough, you’re not close enough.” – Einige gute Aufnahmen gelingen.

Dann gesellt sich noch ein Kleiber in die Runde der Meisen und hat meine volle Aufmerksamkeit. Ich finde diesen Vogel wunderschön. Die graublauen Flügel, der leuchtend orange Bauch und dazu das schwarze Band, das vom Schnabel über die Augen reicht, machen den Kleiber zu einer schmucken und eleganten Gestalt. Er fliegt von Baum zu Baum und umkreist diese rasch kletternd. Doch da, kurz hält er inne und schaut direkt in die Kamera. Hat er mich entdeckt? Die Sekunde reicht, das Bild ist im Kasten und der Kleiber klettert weiter.

Als ich abgebaumt habe und unten am Hochsitz bin, sehe ich auf der Wiese hinter der Kanzel einige Rehe stehen. Sie haben sich heute das Nachbarrevier ausgesucht. Mich kümmert’s nicht, ich bin mit meinen Rendezvous mit dem Kleiber vollauf zufrieden.

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