Das erste Bild – Reh in der Wiese

Ein lauschiger Sommerabend

Wir befinden uns hier in Deutschland, in Hessen. Ich sitze auf einem Hochsitz in einem Revier in der Nähe von Alsfeld. Nicht nur die Landschaft ist schön, sondern auch die Stadt selber. Alsfeld ist bekannt für seine Fachwerkhäuser und lohnt bestimmt einen Besuch. Das machen wir auch immer, wenn wir dort oben sind.

Die Kanzel, auf der ich sitze und den Ausblick geniesse, trägt den passenden Namen „die Aussicht“ und ist mir hier mein liebster Platz. Von hier aus überblickt man beinahe das ganze Revier und klein ist dieses nicht. Es ist eine geschlossene Kanzel, wie die meisten hier, hat aber auf allen vier Seiten Fenster. Die Aussicht ist so schön, dass man sich teilweise darin verliert, einfach in die Weite zu blicken und sich gar nicht auf das Wild zu konzentrieren. Und das kommt hier eigentlich bei jedem Ansitz.

Das Wildtheater

Es ist gang und gäbe, dass die abendliche Aufführung des hessischen Wildtheaters mit dem Auftritt der Hasen beginnt. Um diese Jahreszeit so ab 19 Uhr. Gelegentlich quert ein Fuchs die Bühne, hat dann aber eher ein kurzes Gastspiel, denn er verschwindet schnell im hohen Gras und bleibt verborgen. Die Hasen kümmert es kaum, sie sind in ihre Rolle vertieft und zelebrieren das genüssliche Verzehren lokaler Grünkost. Ab und zu hoppeln sie etwas weiter und liefern sich Verfolgungsjagden. Die Hasen vermisse ich bei uns in Schaffhausen am meisten. Es gibt auch welche, aber niemals in dieser Dichte und sie versüssen einem unglaublich die Wartezeit auf den Hauptakt des Abends.

Auftritt des Bocks, so um 20 Uhr. Dort steht er in seinem rötlichen Gewand und stolziert langsam und zugleich wachsam vom Waldrand aus zu einer Buche und zupft mit gestrecktem Hals Blätter von den Zweigen. Gleich hinter ihm wechselt eine Ricke mit zwei Kitzen auf die Wiese ein. Erst springen sie mit grossen Sätzen ins hohe Gras, dann sind sie verschwunden. Hie und da schaut ein Kopf raus oder mal sieht man sie ganz, wenn sich nach der Pause der Vorhang wieder öffnet. Die Szenen sind kurz, aber schön. Die Farbharmonie vor der Dämmerung sucht ihresgleichen.

Erweisen uns die Schwarzkittel heute auch noch die Ehre? Nein, heute nicht. Beim Abbaumen kurz vor der Dunkelheit hört man noch ein Grunzen aus dem Weizenfeld. Das letzte Büchsenlicht ist durch und der Vorhang fällt. Was für eine Aufführung.

Berichte und Geselligkeit

Was nützt es dies alles erlebt zu haben, ohne es teilen zu können? Und was gibt es Schöneres, als die noch frischen Erlebnisse gleich weitergeben zu können und zu erfahren, was die anderen heute Abend gesehen haben? Man trifft sich bei der Hütte und begrüsst sich: „Na, was gesehen?“

Es kann noch spät werden. Aber das darf es auch, denn so entstehen die schönsten Erlebnisse, die noch sehr sehr lange nachklingen …

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